Mehr Chancengleichheit durch KI in der Bildung

Kennen Sie das Gitarrensolo von Eddie van Haalen, das er für Michael Jacksons „Beat it“ eingespielt hat? Als das „Thriller-Album“ Anfang der 80er-Jahre rauskam, war dieses Solo ein Meilenstein für die Art Rock-Gitarre zu spielen. Wie viele andere auch habe ich damals versucht herauszuhören, was er da wie spielt. Daran bin gescheitert. Die Tonfolgen waren (für mich) zu schnell, um sie herauszuhören und seine Spieltechnik (das Tapping) war zu der Zeit noch weitgehend unbekannt. Ohne Tapping waren/sind diese Tonfolgen nicht spielbar.

Was hat das jetzt mit dem Thema zu tun? Sehr viel. Die Verbreitung der Tapping-Technik dauerte damals lange. Erst mussten die Gitarrenlehrer das können, Fach-Magazine hatten dazu geschrieben und dann hat es sich allmählich verbreitet. Wer heute dieses Gitarrensolo lernen möchte, muss nur auf YouTube gehen. Es gibt unzählige gute Tutorials dazu. Der „Code“ von Eddie-Van Haalen ist geknackt. Was in den 80ern ein fast exklusives „Geheimwissen“ ausgewählter Kreise (mit guten Lehrern) war, ist jetzt überall und kostenlos über digitale Plattformen verfügbar.

Ein anderes Beispiel ist Mathematik, wo unser Bildungssystem besonders schlecht abschneidet. Mathe Peter oder Daniel Jung z. B. fördern über YouTube die Kenntnisse in Mathematik für Schüler und Studenten, auch kostenlos. So wird Bildung und Nachhilfe breit verfügbar. Chancengleichheit und das selbstbestimmte Lernen fördern sind für mich wichtige Chancen der Digitalisierung. Und die Künstliche Intelligenz (KI) ist die nächste Stufe in dieser digitalen Revolution der Bildung.

Die klassischen Beispiele für KI „Autonomes Fahren“, Sprachassistenzen, der Watson von IBM usw. kennen Sie sicher. Wenn Sie sich weiterbilden möchten zum Thema „Künstliche Intelligenz“, empfehle ich den freien Onlinekurs der Universität von Helsinki „Elements of AI“, der auch in Deutsch verfügbar ist[1]. Daneben bieten Tech-Konzerne gute Lernmodule im Netz.


Was bieten KI-Systeme sozusagen on-top zu den o. g. digitalen Plattformen?

1. Individualität und Interaktivität

Für mich das Wichtigste ist, dass mit Hilfe der KI das Lernen individualisiert wird. Diese Programme sind in der Lage, den Stand der Lernenden einzuschätzen und dann individuell den Lernstoff an die Stärken und Entwicklungsfelder anzupassen und auf das persönliche Lerntempo Rücksicht zu nehmen. Lernbots interagieren mit den Lernenden, erfragen Feedback zu vorangegangenen Modulen oder Tests, führen durch die Lektionen und loben auch. Manche dieser Plattformen sind spielerisch aufgebaut, sodass Lernen mehr Spaß machen kann und der Lerneffekt wohl verstärkt wird.

Genauso kann KI in der Nachhilfe unterstützen. Nach der gleichen Logik wird individuell und interaktiv das persönliche Wissen ermittelt und die Wissenslücken geschlossen und man muss nicht die Freunde um Hilfe bitten.

In der Zukunft bieten sich auch Chancen für den inklusiven Unterricht, wenn KI-Software bei Lernschwierigkeiten helfen kann und damit Sehbehinderten, Gehörlosen oder Schwerhörigen einen einfacheren Zugang zu Bildung ermöglicht.

2. Weiterentwicklung der digitalen Lernplattformen

Digitale Lernplattformen können mit Hilfe der KI weiterentwickelt werden, zum Beispiel indem sie die Aktualisierung von Lerninhalten der Plattform übernimmt. So kann die aufwändige „Pflege“ der Plattform automatisiert werden. 

Eine weitere Chance ist die Aufbereitung von Informationen. Inhalte können visualisiert, Content aus dem Web herangezogen werden, die die Informationen in der Lernplattform ergänzen.

Auch Plattformen können individualisiert werden, wenn sie neben den Interessen auch zu den Lernfortschritten eigenständig Module vorschlagen.

Nachhilfesoftware sollte integriert werden. Wie schnell könnte man jetzt die Lernlücken des Corona-Jahres schließen, wenn digitale Plattformen den Schülern jetzt Nachhilfe – kostenlos für die Nutzer – anbieten könnten?

3. Sonstiges


Die klassische Aufgabe der KI ist die Übernahme von Administration. Das Potenzial von KI kann bei der Erstellung von Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien genutzt werden oder in der Erstellung und Auswertung Online-Tests helfen. Lehrende können sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren. Terminadministration, Unterstützung der Kommunikation sind weitere Einsatzfelder. Bis zu 50 Prozent beträgt der Aufwand von Lehrerenden heute für diese administrativen, nicht produktiven Aufgaben.

Universitäten haben in der Corona-Zeit den Charm von Online-Klausuren kennengelernt. In einem nächsten Schritt sollte man diese Tests auch „schummelsicher“ ausgestalten. Wie diese Ansätze mit Datenschutz vereinbar gemacht werden können, ist allerdings oft noch ungeklärt aber lösbar.  


4. Warum Bildungspolitik ein Wahlkampfthema ist
 
Künstliche Intelligenz in der Bildung ist in den USA das zweitgrößte Wachstumsfeld für KI mit jährlichen Wachstumsraten von fast 50 Prozent. Wir haben auch in Deutschland innovative Bildungs-Start-ups. Der Markt ist in Deutschland und der EU aber kaum vorhanden, weil die Bildungspolitik noch weitgehend analog denkt und Unternehmen in ihren Bemühungen auch zulegen könnten.

In der Coronazeit haben wir uns gewundert, warum fast nur amerikanische Unternehmen für Videokonferenzen und Collaboration-Tools im Fokus sind. In der Bildung droht das nächste Technologie-Fiasko, wenn wir nicht schnell eine Digitalstrategie für die Bildung entwickeln und dabei auch mitdenken, wie diese Digitalstrategie in Schulen, Universitäten und Betrieben umgesetzt werden kann.

Es gibt zwar z. B. mit dem Digitalpakt Schule gute Ansätze und auch der Mittelabfluss hat an Geschwindigkeit gut zugelegt. Es fehlt aber ein integrierter Ansatz und eine Umsetzungsstrategie. Die föderale Struktur in der Bildung ist eine zusätzliche Herausforderung. Die Digitalstrategie sollte auch den Aufbau von digitalen Lernplattformen inkl. KI-Strategie beinhalten bis hin zu der Frage, wie entwickeln und fördern wir eine neue Lehr- und Lernkultur in Schulen, Universitäten und Unternehmen. Wie soll in Zukunft z. B. in Schulen gelehrt werden, wie digitale Inhalte in Lernplattformen eingebunden werden, welche Lernformate sollten genutzt werden und welcher Beitrag kann die KI hier liefern und wie befähigen und motivieren wir Lehrkräfte und Trainer, die Veränderungen mitzugehen und mitzugestalten.

Joe Biden legt für die USA gerade ein Investitions- und Förderprogramm für die Bildung in Höhe von 1,8 Billionen Dollar über 10 Jahre auf. Er sieht darin den wirksamsten Hebel für Chancengleichheit und ein Instrument, die Spaltung der Gesellschaft in den USA anzugehen. Klar, die USA haben hier ein besonderes Thema, aber in Bezug auf Chancengleichheit sind wir auch nicht gut aufgestellt und verschwenden Potenziale, wenn Kinder aus Akademikerfamilien eine gut 10-mal höhere Chance auf einen Bachelor- oder Master-Abschluss haben als Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien.

Wie verändert Digitalisierung die Bildung, wie verbessern wir endlich die Qualität der Bildung, fördern digitale Kompetenzen und Chancengleichheit und wie können wir heimischen Unternehmen Chancen zur Entfaltung geben? Genug Gründe also, dass Bildungspolitik ein wichtiges Wahlkampfthema wird.


[1] https://www.elementsofai.de/

3 Kommentare on “Mehr Chancengleichheit durch KI in der Bildung

  1. Prinzipiell bin ich auch der Meinung, dass man in der Bildung viel digitalisieren kann, allerdings gehört meiner Meinung nach das Zwischenmenschliche nicht dazu, da die SuS so viel Essenzielles dabei lernen, was soziale Kompetenz angeht. Der Bereich Schule (und alles was dazugehört) ist nicht nur ein reiner Ort zum Lernen, sondern auch ein Ort der Begegnung und des Kennenlernens, der (wie man in der Pandemie gesehen hat), sehr wichtig ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.