Meine Prognose für die Bundestagswahl – Ergebnisse, Koalitionsoptionen, K-Frage

Die Bundestagswahl 2021 wird spannend. Es werden sich mehrere – vermutlich 5 – politisch mögliche Koalitionsoptionen ergeben und die bestehende Koalition wird sicher abgewählt. Die Grünen haben eine realistische Chance, stärkste Partei zu werden. Mit diesem Post versuche ich eine Prognose des Wahlausgangs aus der Analyse einer langen Datenreihe mithilfe von einfachen Techniken, die man aus der Chartanalyse von Börsenkursen kennt.
Für die Eiligen füge ich hier schon die Ergebnisse der Prognose ein, die Sie weiter unten als Ergebnis der Analyse (auch) finden.

 MinimaMaxima Durchschnitt
CDU/CSU252826,5
Grüne222624
SPD141715,5
FDP101211
Linke67,56,75
AfD8119,5
Sonstige465
Vorab: Prognosekorridore und Durschnitte für die Bundestagswahl

Wo der Blick auf die Börse für mich eine passende Analogie ist, erläutere ich am Schluss; der Blick auf die Trends unten spricht aus meiner Sicht für sich und ist ein Impuls, ein Experiment, sich der Bundestagswahl auch aus dieser Perspektive zu nähern. Bis zur Wahl werde ich den Verlauf der Stimmungslage beobachten und hier kommentieren.

Daten der vergangenen 7 ½ Jahre

Die Sonntagsfrage seit der vorletzten Bundestagswahl bei infratest dimap, Link siehe unten.

Im Bild sehen Sie die Ergebnisse der sog. Sonntagsfrage, die infratest dimap regelmäßig meist 1000 bis 1500 repräsentativ ausgewählten Wahlberechtigten stellt [1]. Der Datensatz beginnt im Oktober 2013, also kurz nach der vorletzten Bundestagswahl. Das sind ziemlich genau 7 ½ Jahre mit Daten aus 184 Umfragen. Eine noch länger zurückreichende Analyse würde übersehen, dass die AfD vorher nicht im Bundestag war. Um das Wirrwarr der 6 Einzelkurven und gut 1100 Daten zu entzerren, gehe ich gleich für jede der sechs im Bundestag vertretenen Parteien (die Union habe ich als eine Partei betrachtet) die Einzelcharts durch und erläutere damit eine Wahlprognose für jede Partei. Danach diskutiere ich daraus ableitbare Optionen für Koalitionsverhandlungen – wie gesagt mithilfe der Chartanalyse. Ich bin kein Profi darin, nur Hobbyanalyst; das vorweg geschrieben geht es jetzt mit der CDU/CSU los.

CDU/CSU

Die Union im Trend mit Prognosekorridor

Zur Union ein paar Erläuterung zu den eingefügten Geraden, die Sie auch in den Charts zu den anderen Parteien wiederfinden werden. Zu den 184 Daten jeder Partei habe ich über das verwendete Datentool eine lineare Trendanalyse (Regression) eingefügt. Diese bildet die Daten in einer Geraden ab. Diese Gerade kann nicht die einzelnen Daten erklären (dafür ist die Streuung zu hoch), aber aufzeigen, ob über die 7 ½ Jahre die Entwicklung in der Wählergunst positiv, negativ oder eher konstant war[2]. Weil Änderungen in der Wählergunst längerfristiger Natur sind, ist das für mich eine interessante Information und die Fortschreibung dieses strukturellen Trends bis zur Bundestagswahl eine plausible Arbeitshypothese.

Schon intuitiv ist aus dem Chartverlauf der CDU/CSU ableitbar, dass die Wählergunst abnimmt. Von Werten oberhalb 40 Prozent hat sich die Partei in den Jahren 2014 bis Ende 2019 in mehreren Wellen nach unten entwickelt. Diesen mittelfristigen Trend bildet die blaue Gerade ab. Blickt man in die Daten, erzielte die Union bei der Sonntagsfrage in der vergangenen Wahlperiode im Mittel 38,4 Prozent, seit der letzten Bundestagswahl im Mittel 35 Prozent.

In allen Charts habe ich eine vertikale Linie eingefügt, die ich mit Corona-Effekt beschrieben habe. Corona hatte für die Parteien unterschiedliche Auswirkungen auf die Zustimmung bei den Wähler*innen, die man in den Daten sehen kann. Corona hat oft gegen den langfristigen Trend zu Veränderungen in der Wählergunst geführt; die Frage ist, ob dies nachhaltige Änderungen sind. Als Start dieses Effektes habe ich jeweils die Werte vom 19.3.2020 genommen, also kurz bevor Deutschland in den ersten Lockdown gegangen ist.

Die Union hatte lange Zeit in der Wählergunst deutlich von Corona profitiert mit Werten von fast wieder 40 Prozent. Es begann mit einem außergewöhnlich steilen Anstieg (den man sonst nicht findet) und mündet aktuell in einem außergewöhnlichen Absturz, den ich mit einer (leicht parallel verschobenen) gelben Gerade verdeutlicht habe.

Für die Einschätzung einer weiteren Entwicklung aus diesen Charts heraus kann bedeutsam sein, dass die Union die langfristige Trendlinie von oben nach unten „durchbrochen“ hat (siehe im roten Kreis rechts neben der gelben Linie). Bei einer Aktien-Chart-Analyse kann ein Durchbrechen einer Durchschnittskurve [3] von oben als ein Verkaufssignal gewertet werden, weil das oft eine längerfristige Schwächephase einläutet. Schaut man auf die beiden anderen roten Kreise links, zeigt sich das Phänomen „Einläuten einer längerfristigen Schwächephase“ im Übrigen dort. Ich habe andere Regressionstypen „durchprobiert“, bei der linearen Trendlinie haben sich häufig Muster gezeigt, die man aus der Chartanalyse kennt.

Auch der Blick auf das Originalchart zeigt deutlich, dass CDU/CSU aktuell in einem „rasanten“ Abschwung sind. Unterstellt die Verkaufssignal-These stimmt, wo könnte dann der Chart der Union wieder einen Boden finden? Zum einen ist eine starke Unterstützungslinie bei den absoluten Minima der Vergangenheit. Die Union hatte in dieser Wahlperiode schon 4-mal einen Wert von 25 Prozent. Diese schlechtesten Werte im betrachteten Zeitraum wurden nicht unterschritten. Die grün eingezeichnete Gerade kann daher eine Haltelinie sein, von der es auch durchaus wieder nach oben gehen kann. Bei Aktien ist eine solche Gerade der Minima oft eine „Auffanglinie“. Bei Wahlentscheiden kann hier das Potenzial der sehr treuen, wechselunwilligen Anhänger vermutet werden.

Worst Case aus Sicht der CDU/CSU wäre, wenn diese Haltelinie nicht halten würde. Ein Aktienanalyst könnte dann einen deutlichen Einbruch vermuten, der dann vielleicht erst mit der ockerfarbenen Geraden aufgehalten würde, die relative Minima der Vergangenheit verbindet (ohne den Chartverlauf zu schneiden).

Für den Wahltag leite ich für die Union einen Korridor von 25 bis 28 Prozent ab, dargestellt durch die rote Klammer an der Wahlterminvertikalen. 25 Prozent wäre ein Unterwert, bei dem ich unterstelle, dass die Linie der Minima als Unterstützung hält. In einem Wort-Case-Szenario könnten CDU/CSU am Wahltag auf 18 Prozent (blauer Punkt) abstürzen. Die 28 Prozent entsprechen dem fortgeschriebenen linearen Trend. Aus einer Chartanalysesicht ist nur schwer vorstellbar, dass der „Kurs“ der Union sich kurzfristig wieder erholt (über 28 Prozent klettert), auch weil wir in dem Chart sehen, dass der aktuelle Kurs in der Vergangenheit von unten öfter an der Trendlinie wieder nach unten abgeprallt ist.

Prognose-Korridor für den Wahltag für CDU/CSU daher: 25 bis 28 Prozent.

SPD

Die SPD im Trend mit Prognosekorridor


Wie die Union auch befindet sich die SPD in einem langfristigen Abwärtstrend. Das „Martin-Schulz-Hoch“ aus 2017 war nur ein kurzes Zwischenhoch, der lineare Trend zeigt nach unten.

Die SPD hat als Koalitionspartner unspektakulär auf Corona in der Wählergunst reagiert. Der Abwärtstrend mit Tiefstwerten von 12 Prozent Anfang Juni bzw. August 2019 konnte schon vor Corona gedreht werden, zu Beginn gab es entgegen dem Hype bei der CDU aber einen Rückgang von 16 auf 14 Prozent, danach aber konnte der Langfristtrend von unten durchbrochen werden und seitdem hält sich die Partei auch oberhalb dieser Trendlinie. Mit Corona hat sich im Chart der SPD entgegen dem Abwärtstrend ein horizontaler Trendkanal herauskristallisiert, den ich durch die graue und grüne Gerade dargestellt habe. Zwischen den beiden Geraden „pendeln die Werte, ohne dass ein „Ausbruch“ nach oben oder unten erfolgte – vgl. die 6 roten Kreise. Anders als die CDU hat die SPD bisher keinen Corona-Einbruch zu verzeichnen. Für meine Wahlprognose habe ich den Korridor angesetzt, der sich aus der Fortschreibung des horizontalen (bisher stabilen) Trendkanals ergibt.


Prognose-Korridor für den Wahltag für die SPD daher: 14 bis 17 Prozent.

Grüne

Mit den Grünen sehen wir hier die erste Partei mit einem langfristigen Aufwärtstrend. Im Chartverlauf finde ich aufschlussreich, dass ein Abprallen am Trend im vierten Quartal (Q4) 2016 eine längerfristige Schwächephase einläutete und das Durchbrechen der Trendlinie in Q4 2018 eine längerfristige Stärkephase mit dem Höchstzustimmungswerten von 26 Prozent aus Juni, Juli, August 2019 (wie es die Chartanalyse vermutet hätte).

Die Grünen im Trend mit Prognosekorridor

Schon vor Corona war die Entwicklung bei den Gründen negativ, Corona hat diesen Abwärtstrend in der Wählergunst aber noch verstärkt, sodass auch die Trendgrade nach unten durchbrochen wurde. Nach einer kürzeren Konsolidierung haben sich die Werte an der Trendlinie orientiert. Aktuell stellt sich die Frage, ob der Zustimmungswert vom 1.4. in Höhe von 22 Prozent (dritter roter Kreis) vielleicht schon ein Ausbruchsignal nach oben darstellt. Möglich wäre das, eine Grenze nach oben sehe ich bis zur Wahl in den o. g. Höchstwerten aus 2019, die durch die rote Horizontale darstellt werden. Die Untergrenze für die Wahl mache ich bei den Grünen aus einer Fortschreibung der Trendgeraden fest (auch hier die rote Klammer).

Prognose-Korridor für den Wahltag für die Grünen daher: 22 bis 26 Prozent.

FDP

Wie bei den Grünen zeigt bei der FDP der lineare Trend nach oben. Auch hier hat (erster roter Kreis links) ein nachhaltiges Durchbrechen des Trends im zweiten Quartal 2017 eine längerfristige Stärkephase mit einem Hoch bei 12 Prozent eingeläutet, die bei der FDP wie bei den Grünen schon vor Corona beendet war; in der Coronazeit sind die Werte weiter nach unten eingebrochen. Bei der FDP hat eine Unterstützungslinie von 5 Prozent (grüne Horizontale) „gehalten“. Allein 7-mal lag das Umfrageergebnis für die FDP bei der 5-Prozentmarke. Wie die Grünen auch hat die FDP den Corona-Einbruch verarbeitet und sich nach oben entwickelt und die Trendkurve von unten durchbrochen, sodass sich auch hier die Frage stellt, ob der FDP jetzt eine längerfristige Aufwärtsphase bevorsteht. Die Obergrenze sehe ich dann beim Top-Wert aus 2017 in Höhe von 12 Prozent (rote Horizontale). Analog zu den Grünen liegt die Untergrenze in der Fortschreibung der (blauen) linearen Trendgerade.

Die FDP im Trend mit Prognosekorridor

Für Grüne und FDP könnte insgesamt für die Wahl gelten: The trend is your friend.

Prognose-Korridor für den Wahltag für die FDP daher: 10 bis 12 Prozent.

Linke

Bei der Partei die Linke zeigt die lineare Trendkurve leicht nach unten (bei einer sehr hohen Volatilität). Die Linken sind ein Corona-Verlierer, die Werte sind kurz nach Corona wieder unter die Trendkurve gefallen und sie konnte danach nicht wieder überwunden werden. Zwischendrin sind die Werte der Linken auf ein Niveau gefallen, das durch eine Gerade aufgefangen wurde, die man durch mehrere relativen Minima ziehen kann (gelbe Gerade). Schreibt man diese Gerade als Untergrenze und den linearen Trend aus Obergrenze fort, ist die Prognose für die Linke in einem relativ stabilen Korridor von 6 bis 7,5 Prozent zu sehen.

Die Linke im Trend mit Prognosekorridor

Prognose-Korridor für den Wahltag für die Linke daher: 6 bis 7,5 Prozent.

AfD

Die AfD hat ein interessantes Chartbild. Die lineare Trendkurve zeigt zwar nach oben, als einzige Partei sieht man im Schaubild aber eine sehr signifikante Chart-Formation, die sogenannte Schulter-Kopf-Schulter-Formation. In einer solchen Formation gibt es drei Hochs, 3 Berge oder Hochplateaus, bei denen die Höchstwerte in der Mitte dieser 3 „Erhebungen“ liegen. Dies ist der Kopf, der links und rechts von den – niedrigeren – Schultern umrandet wird. Das Interessante an einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation ist, dass sie einen längerfristigen Abwärtstrend vorhersagen kann (rechts nach der 2. Schulter). Eine Aktie sollte man verkaufen, wenn man diese Formation erkennt. Tatsächlich sieht man bei der AfD auch schon vor Corona einen signifikanten Einbruch in der Zustimmung.  

Meiner Meinung nach ist auch die AfD ein Profiteur von Corona, in dem Sinne, dass ein möglicher Abwärtstrend gestoppt und in einen horizontal verlaufenden Kanal überführt werden konnte. Auch in diesem Kanal sehen wir eine stabile Obergrenze bei 11 Prozent (graue Linie), eine Untergrenze zeigt die grüne Linie bei 8 Prozent. Für die Wahlprognose habe ich diesen Trendkanal fortgeschrieben. Ein Ausbruch ist möglich, dann aber eher nach unten, der Logik der Schulter-Kopf-Schulter-Formation folgend (z. B. entsprechend der gelben Geraden), ohne dass die AfD dann bis zur Wahl unter 5 Prozent fallen sollte.

Prognose-Korridor für den Wahltag für die AfD daher: 8 bis 11 Prozent.

Die AfD im Trend mit Prognosekorridor

Der Überblick über die Prognosedaten

Die folgende Tabelle zeigt den Überblick über die o. g. Prognosekorridore. Neben den genannten Ober- und Untergrenzen habe ich noch die Mittelwerte gebildet, die sie in den grauen Balken jeweils sehen. Interessant ist, dass danach noch offen ist, wer die stärkste Partei ist. Zwar steht die CDU insgesamt vorne, sollten die Grünen ihr beschriebenes Aufwärtspotenzial voll ausnutzen (26 Prozent) und die CDU auf die Unterstützungslinie ihrer Minima zurückfallen (25 Prozent), könnten die Grünen sogar die stärkste Partei werden.

 MinimaMaxima Durchschnitt
CDU/CSU252826,5
Grüne222624
SPD141715,5
FDP101211
Linke67,56,75
AfD8119,5
Sonstige465
Übersicht über die Prognosekorridore der Parteien


Die 5 Koalitionsoptionen

Für die möglichen Koalitionsoptionen zeige ich drei Szenarien auf:

Zum einen das blaue Szenario, das jeweils die Mittelwerte/Durchschnitte der Prognosekorridore unterstellt. Daneben zwei Szenarien für die beiden Parteien, die ich aktuell im Aufwind sehe. Im grauen Szenario würden die Grünen und die FDP ihre Obergrenzen erreichen, im orangen Szenario nur die Grünen, die FDP den Mittelwert. In beiden Szenarien habe ich unterstellt, dass CDU und SPD dann nur die Minimalwerte erreichen.

Das für mich aufschlussreiche ist, dass diese 3 Szenarien ohne Relevanz sind in Bezug auf mögliche Koalitionsoptionen. Die Ergebnisse wären dann:

Koalitionsoptionen
  • Eine Fortsetzung der aktuellen Großen Koalition wird es nicht geben
  • Für Grün, Rot, Rot würde es danach knapp nicht reichen. Auch wenn die Grünen sehr gut performen, wäre es wenig wahrscheinlich, dass die 3 Parteien zusammen 47 bzw. 47,5 Prozent der Stimmen erreichen, die für die Mehrheit erforderlich wären. Hierbei ist unterstellt, dass es 5 oder 6 Prozent Stimmen für Sonstige gäbe, von denen keine Partei ins Parlament einzieht. Der Höchstwert auf Basis des Mittelwertszenarios läge bei 46,25 Prozent. Aber knapp ist es schon. Und wenn die Union vielleicht mit der Wahl des Spitzenkandidaten[4] wenig Akzeptanz bei den Wähler*innen findet und unter die 25 Prozent durchsackt, gehen ein Teil der Stimmen auch in Richtung Grüne und SPD und dann könnte Grün, Rot, Rot doch ein realistisches Szenario werden.
  • Demgegenüber wären fünf politisch denkbare Optionen sehr sicher möglich, da sie bei meinen Zahlen alle deutlich oberhalb von 50 Prozent liegen:
    • CDU/CSU, Grüne (Schwarz-Grün)
    • CDU/CSU, Grüne, FDP (Jamaika)
    • CDU/CSU, Grüne, SPD (Kenia)
    • CDU/CSU, SPD, FDP (Belgien)
    • Grüne, SPD, FDP (Ampel)
  • Von den 5 Optionen gibt es eine Zweiparteienkoalition (Schwarz-Grün). Für die anderen müssten sich jeweils drei Parteien einigen. 
  • Grüne, Union hätten jeweils 4 Optionen, die SPD und FDP jeweils drei.  
  • Dabei kann es auch dazu kommen, dass selbst wenn Union die stärkste Partei sein sollte, dass über eine Ampelkoalition Frau Baerbock oder Herr Habeck Kanzler*in wird. Oder andersherum: Auch wenn die Grünen die stärkste Partei werden sollten, könnte das Belgien-Bündnis die Grünen „ausbremsen.
  • Jamaika und Kenia hätten sogar die Chance, mehr als 2/3 der Sitze im Bundestag zu bekommen und könnten „durchregieren“ und auch verfassungsrelevante Änderungen anstoßen könnte wie eine Föderalismus-Reform. Allerdings, warum sollten Union und Grüne die SPD oder FDP noch mit ins Boot nehmen, wenn beide schon allein eine Mehrheit bekommen können?

Zusammengefasst sind das sehr viele Optionen und Vorfestlegungen werden die Parteien bis zur Wahl vermutlich vermeiden. Wenn es rechnerisch reicht, die beiden Parteien sich „zusammenraufen“, dann kommt es aus meiner Sicht zu Schwarz-Grün, ggfs. + FDP (Jamaika) oder + SPD (Kenia), wenn die Kraft vorhanden ist, grundlegende Reformen angehen zu wollen. Anders als in der Bundestagswahl 2017 (damalige Stärke der CDU vs SPD/Grüne, FDP) sind die beiden stärksten Parteien im Herbst 2021 auf Augenhöhe (Union und Grüne), so dass eine Präferenz für Jamaika bei der kommenden Bundestagswahl nicht zwingend ist.

Wie relevant ist die K-Frage?

Bei den Grünen deuten die Umfragewerte der beiden Spitzenkandidaten darauf hin, dass sie auf Augenhöhe sind, mit leichten Vorteilen für Frau Baerbock. Anders als in der Union, wo fast alle Umfragewerte Söder deutlich vorne sehen und selbst bei den eigenen Anhängern nur eine kleine Minderheit ihn für einen geeigneten Kanzlerkandidaten hält. Insofern ist der Ausgang der Kandidatenkür der Union vermutlich wahlentscheidend.   

Wo sind Gemeinsamkeiten, Unterschiede zwischen dem Kauf von Aktien und Wahlentscheidungen?

Wie oben versprochen jetzt Argumente, ob die Sicht der Chartanalyse eine Grundlage hat für die Analyse von Wahltrends.

Gemeinsamkeiten zwischen Aktienkauf und Wahlentscheidungen sind:

  • Rationale Ebene  
    An der Börse wird Zukunft gehandelt. Wie entwickeln sich wesentliche Kennzahlen des Unternehmens und damit der Aktienkurs. Die Anleger versuchen ihren persönlichen Nutzen (die Rendite der Aktien) zu maximieren. Dabei werden Zukunftsaussichten der Produkte/Dienstleistungen in den Märkten, die strategische Positionierung und die Leistungsfähigkeit des Managements eingeschätzt. Mit betriebswirtschaftlichen Analysen wird versucht, die mittel- und langfristigen Perspektiven zu erfassen.

    Die Analogie zur Wahlpräferenz liegt in einer ebenfalls eigennutzgetriebenen Sicht auf die Parteien: Was kann ich von Partei x für meine persönliche Situation erwarten, was durch die strategische Positionierung, das Wahlprogramm und durch das agierende Top-Personal der Parteien – starke Gemeinsamkeiten zur Börse.
  • Emotionale Ebene  
    Auch an der Börse geht es nicht nur um Rationalität. Vertrauen in ein Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen, das Management spielen eine Rolle, ebenso die langfristigen Einstellungen zu einem Unternehmen, den Märkten, in den sie agieren.
    Auch Parteien binden ihre Wähler über Emotion, das Vertrauen in die aktuelle Politik, die vermittelte Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten und die Vertrauenswürdigkeit der Top-Politiker in den verschiedenen Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen.
  • Kommunikation
    Börse und Wähler bewerten bewusst oder unbewusst die Güte der Kommunikation. Inwieweit ist sie offen, transparent und nachvollziehbar. Wie Aktienbesitzer auch strafen Wähler negative Überraschungen ab.

Fazit der Gemeinsamkeiten: Börse und Wahlen sind eine Mischung aus rationalen und emotionalen Faktoren mit ähnlichen Antrieben und Bewertungsebenen und die bilden sich in den Charts von Aktien und Wahlpräferenzen ab.

Unterschiede

  • Zeitperspektive
    Die Börse ist schnelllebiger. Nicht nur, weil permanent gehandelt wird, sondern viel wichtiger, weil länger- oder langfristige Bindungen an eine Partei immer noch eine große, bei Aktien nur eine untergeordnete Rolle spielen. An den Börsen können schon leichte Fehlentwicklungen, Abweichungen von den Erwartungen abgestraft werden.
    Insofern ist es für Aktienanalysen auch richtig, mit (kurzfristigen) Durchschnittskurven (38-Tage bis 200-Tage) zu arbeiten. Für politische Prozesse passt die von mir genutzte lineare Trendanalyse mit einem langen Zeithorizont besser.
  • Des einen Freud ist des anderen Leid
    An der Börse können Unternehmen in Summe profitieren, besser werden in ihren Kursen – wie die Entwicklung der Indizes zeigen. Bei Parteien ist der Zugewinn einer Partei unmittelbar und immer der Verlust an anderer Stelle/Stellen. Insofern muss man bei der Analyse von Wählergunsttrends immer die Wählerwanderung mit im Blick haben.  

Fazit zum Experiment Chartanalyse  

Für mich ist das Experiment eine spannende Perspektive auf die Entwicklung der politischen Präferenzen der Wähler*innen. Für den Ausgang der Bundestagswahl im September spielen viele Faktoren eine Rolle, die sich vielleicht nicht über eine Chartanalyse erfassen lassen (das gilt allerdings auch für die Börse). Insofern ist der Ansatz sicher nur eine Perspektive. Aus meiner Sicht wird viel davon abhängen, wie erfolgreich die Impfkampagne bis zum September läuft und ob wir einen – halbwegs – entspannten Sommer haben werden. Andererseits könnten die Einschätzungen der Wähler*innen hierzu aber schon jetzt in den „Kursen“ der Parteien enthalten und für eine Chartanalyse zugänglich sein. Nach der Wahl werde ich das rückblickend bewerten.


[1] Über den Link können Sie die aktuellen und vergangenen Daten von infratest/dimap einsehen. Danke, dass man die nutzen kann! https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/sonntagsfrage/

[2] Die R-Quadrat-Werte habe ich in den Grafiken nicht eingefügt. Für die CDU ist der R-2-Wert 0,47, die SPD 0,73, die Grünen 0,63, FDP 0,39. Linke 0,18, AfD 0,4.

[3] Eine Analogie wäre die sog. 200er-Kurve aufgrund vergleichbarer Datenmenge, die allerdings keine Regressionsgerade, sondern eine gleitende Durchschnittskurve ist

[4] Siehe den Vergleich Armin Laschet und Markus Söder bei „The Pioneer“ https://www.linkedin.com/pulse/union-%25C3%25A4ra-des-misstrauens-gabor-steingart/

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