Welche Technologien das Zeug haben, unser Leben fundamental zu ändern

Die Rubrik zu Technologie ist für mich der schwierigste Teil meines Blogs. Auch wenn ich lange Zeit in einem Technologieunternehmen gearbeitet habe, sind mir als Volkswirt und gelernter Personaler technologische Entwicklungen und deren Bedeutung für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft ferner als ökonomische oder absehbare Veränderungen in der Arbeitswelt. Vielen von Ihnen wird es ähnlich gehen.

Ich glaube aber, dass wir technisch „Wenig-Wissenden“ ein Verständnis entwickeln sollten, wie sehr Technik die Arbeitswelt, unser Zusammenleben und vielleicht sogar die Entwicklung der Menschheit beeinflusst. Ich habe für mich den Anspruch, verstehen zu wollen, welche technischen Entwicklungen aus meinem Verständnis gut oder schlecht sein können.

In der Technik-Rubrik werde ich mich darauf beschränken, insbesondere für die „Wenig-Wissenden“ wie mich Informationen zu bieten, oft dabei auch nur auf andere Quellen verweisen, diese erläutern und möglichst zurückhaltend kommentieren. Ich denke, jeder muss sich selbst positionieren, welche Technologien man für sinnvoll, akzeptabel oder vielleicht sogar gefährlich hält.

Beginnen möchte ich mit einer Veröffentlichung von Gartner. Die Berater bei Gartner kennen Sie vermutlich von dem nach ihnen benannten Hype Cycle, bei dem die Aufmerksamkeit bzw. die Erwartungen an eine technische Innovation in einem typischen Verlauf beschrieben wird. Beginnend mit dem Boom an Hoffnung, der mit einer Innovation verknüpft ist, über den Peak der überzogenen Erwartungen, den Absturz ins Tal der Enttäuschungen, ab der sich dann eine realistische Einschätzung bildet und die Produktivität einer Innovation immer mehr durchbricht (Plateau).  Den Hype Cycle 2020 füge ich hier ein[1]. Sie sehen, dass Gartner dabei in dem typischen Verlauf auch beschreibt, welche Technologien wo stehen und mit welcher Zeit sie bis zum Erreichen des Plateaus rechnen.


Gartner Hype Cycle 2020 – Quelle siehe Link unten

Besonders spannend empfand ich daneben den Beitrag von Gartner aus Oktober 2020 „7 Digital Disruptions You Might Not See Coming In the Next 5 Years“ [2]. Ich selbst bin zwar kein Biohacker, auch wenn ich Smart-Watches und mehrere Health-Apps nutze. Das technologische Biohacking (Punkt 6 in dem Artikel), bei dem Computer ständig zuhören, analysieren, Daten speichern und verarbeiten, wirft einige rechtliche und ethische Fragen auf. Fragen wie: Soll ein Computer, wenn die Daten eine beginnende Demenz vermuten lassen, diese Vermutung mit dem Nutzer teilen? Oder eine Kamera in einem Park, die eine Krankheit erkennt, von der Sie keine Ahnung hatten? Als ich die Health App in meinem Handy mal genauer angeschaut habe, war ich schon überrascht, welches Potential schon in dieser einen Anwendung liegen kann als zentraler Speicher verschiedenster Gesundheitsdaten oder als Notfall-Pass. Abhängig davon, wie mit diesen persönlichen Daten umgegangen wird, hat das Segen oder Fluch für mich.

Beeindruckend sind für mich die Versprechungen der DNA-Datenspeicherung (Punkt 2), mit der das gesamte entwickelte Wissen der Menschheit eines Jahres in einem Gramm dieser synthetischen DNA gespeichert werden kann. Oder die Möglichkeit, einen digitalen Zwilling der Erde zu erstellen (Punkt 4), sodass wir Abweichungen von diesem Zwilling durch Klimaveränderungen, Brandrodung oder den Borkenkäfer erkennen können (und dann hoffentlich auch konsequent reagieren).

Wie sehen Sie die Aussichten, dass Computer nicht nur Gedanken in Text übersetzen können, sondern umgekehrt vergessene Bilder oder Erinnerungen wieder aktivieren können (Augmented Humans, Punkt 5) oder schon 2024 in der Lage sein können, Ihre Stimmung genau einschätzen zu können (Punkt 7)?

Ich hoffe, dass ich mit diesem Post dafür begeistern kann, sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. In weiteren Artikeln in dieser Rubrik werde ich dann neben disruptiven Technologien auch Fragen der ethischen Einordnung aufgreifen. Den Bereich Technologie verstehe ich weit, also wenn es spannende Entwicklungen in der Biotechnologie geht, ist hier auch der richtige Platz, dito für andere Naturwissenschaften.


[1] https://www.gartner.com/smarterwithgartner/5-trends-drive-the-gartner-hype-cycle-for-emerging-technologies-2020/

[2] https://www.gartner.com/smarterwithgartner/7-digital-disruptions-you-might-not-see-coming-in-the-next-5-years/

3 thoughts on “Welche Technologien das Zeug haben, unser Leben fundamental zu ändern

  1. Äußerst spannendes Thema!
    Auch in Deutschland seit rund 50 Jahren im Blickfeld von Politik und Wirtschaft. Stichworte: “Technologiefolgenabschätzung” und die Themenfelder des Ethikrates: Verschmelzung von Mensch und Maschine, leistungssteigernde Implantate und Mittel, Mischwesen, Genveränderung, autonome Systeme… Da sollten wir weiter schauen als “nur” 5 Jahre!

  2. Ich habe über 30 Jahre in High-Tech. Firmen gearbeitet, mit globaler Ausrichtung (z.B. HP, Deutsche Telekom Gruppe) aber auch mit lokalem Bezug (z.B. 1&1/United Internet, eigenes E-Commerce Start-Up), davon viele Jahre im Ausland, auch Silicon Valley/California.
    Ich möchte gerne den Aspekt “Technologie ist der Treiber für Veränderung/Change” mit meiner Erfahrung beleuchten:
     Grundlagenforschung an sich ist wichtig, aber bringt nicht den technologischen Fortschritt.
     Mangel, Krisen, veränderte Bedürfnisse sind vielmehr der Auslöser, und wenn mit entsprechenden neuen Technologien bedient, dann ergeben sich Fortschritte und auch disruptive Veränderungen.
    Beispiel:
     HP hat vor Jahrzehnten bereits grundlegend über Drucktechnologien geforscht.
     Als der PC/Personal Computer von IBM populär wurde, wuchs der Bedarf für persönliches Ausdrucken „am Schreibtisch“.
     HP-Patente aus der Druckforschung kombiniert mit Wissen um „personal printer“ haben den Markt für Ink-Jet Printing geschaffen und für HP hohe Milliardenumsätze eingespielt.
    Aktuell:
     Corona Lockdown hat weltweit die Restaurant-Szene lahmgelegt. Restaurants werden (weltweit eröffnet und wenn nicht erfolgreich geschlossen). Ein Richtwert aus den U.S.A ist, dass eine durchschnittliche Restaurant-Eröffnung ca. $750.000.- kostet.
     Mit der Corona Krise wuchs der Bedarf für Essen-auf-Auslieferung, und damit kein Bedarf an Kundenplätze vor Ort (mit all seinen Folgekosten).
     Aber der Bedarf für wertiges Kochen der Gerichte sowie Delivery-orientierte Prozesse dazu (online-Bestellen-Ausliefern) stieg.
     Gerade im Silicon Valley/San Francisco mit über 8 Millionen Arbeitnehmern und nicht-selbst-kochen Gewohnheit entstand eine Essen-Versorgungs-Krise.
     Die Lösung: Ghost-Kitchen sind entstanden, angeschlossen an spezialisierte Delivery Dienstleister. Die Durchschnitts-Kosten für eine Ghost-Kitchen Gründung werden auf ca. $350.000.- geschätzt.
    Meine Schlussfolgerung ist:
     Fortschritt, Verbesserung, disruptive Veränderung und sprungartig Neues ergeben sich wenn Krisen und veränderte Bedürfnisse mit passenden Technologien kombiniert werden, und zwar mit hoher Kompetenz in Know-How und Do-How, unterfüttert mit Zugang zu Kapital.
     Derartige Technologiesprünge lassen sich jedoch schwer erzwingen oder „erzeugen“, sondern sind oft das Ergebnis aus professionellem Handeln und genialem Zufall.

Schreibe einen Kommentar zu Peter Zimmer Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.